Geschichten rund um die Orgel (VIII)
Als Ludwig dem Frommen, dem dritten Sohn Karls des Grossen, im Jahre 826 zu Ohren kam, ein Priester namens Georg könne Orgeln bauen, liess er diesen sofort in seine Dienste nehmen und stellte ihm Geld und Material in reichem Masse zur Verfügung. Dieser Priester stammte aus Venedig, jener Handelsstadt, die am lebhaftesten Handel trieb zwischen Ost und West. Man kann annehmen, dass dieser Georg sein Handwerk in Konstantinopel gelernt hat, denn er versprach, die Orgel „nach Art der Griechen“ (organum more Graecorum) zu bauen.
Der Westen war ungeheuer stolz über diese Konstantinopel entrissene Rarität. Ermold der Schwarze dichtete zu Ehren Ludwigs des Frommen: „Auch die Orgel, welche in Frankreich gänzlich unbekannt war, auf welche sich das stolze griechische Reich allzusehr etwas einbildete, und um deretwillen Konstantinopel wähnte, Dir, Ludwig, überlegen zu sein: Jetzt hat sie auch der Palast zu Aachen.“ Und der Abt von Reichenau, Walahfrid Strabo
(808 – 849) doppelt nach: Die süsse Melodie der Orgel habe nun auch in Aachen einer Frau die Sinne geraubt, sodass sie schliesslich vor Wonne gestorben sei!
Es ist bezeichnend, dass der erste abendländische Orgelbauer ein Priester war. Nur Angehörige des geistlichen Standes hatten damals das nötige technische Wissen, um einen solch komplizierten Apparat wie die Orgel zu verstehen, und das handwerkliche Können, um beispielsweise Metallpfeifen zu konstruieren und klanglich befriedigend aufeinander abzustimmen. Von da her kann man auch erklären, warum die Orgel in die Kirche gekommen ist und zum allgemein gebräuchlichen Gottesdienst-Instrument geworden ist: Der Priester Georg wird sein „Know-how“ an Schüler weitergegeben haben, die wie er Priester oder Mönche waren.
Diese Schüler und ihre Nachfolger werden den Wunsch verspürt haben, ihre kostbaren Instrumente in der Kirche aufzustellen und Musik erklingen zu lassen zu Ehren Gottes.
Die Orgel musste sich geradezu in den Gottesdienst einschleichen. Den Kirchenvätern war sie verpönt; sie galt als heidnischer Luxusartikel und wurde deshalb abgelehnt. Die Sinnlichkeit ihrer Musik wurde beargwöhnt; Orgelmusik war zu wenig geistig, zu wenig fromm (siehe Orgelgeschichten IV). Kein Papst, kein Konzil hat je die Einführung der Orgel im Gottesdienst beschlossen!
(Quelle: Friedrich Jakob, „Die Orgel“, Verlag Hallwag/Schott)