Geschichten rund um die Orgel (VII)

Der berühmte St. Galler Mönch Notker der Stammler (840 – 912) ist nicht nur als Musiker und religiöser Dichter hervorgetreten, sondern hat auch Geschichtswerke hinterlassen: Um 881 entstand die „Fortsetzung der fränkischen Königschronik des Erchanbert“ und zwischen 883 und 887 die „Gesta Karoli“, eine Darstellung der Taten des Frankenkönigs Karls des Grossen (724 – 814). Über das Jahr 812 berichtet er, es sei eine Gesandtschaft aus Konstantinopel an den Hof nach Aachen gekommen. Um dem fränkischen König, der im Jahr 800 vom Papst zum „Heiligen römischen Kaiser deutscher Nation“ gekrönt worden war, auch wirklich kaiserliche Ehren erbieten zu können, brachten die byzantinischen Gesandten eine Kaiserhuldigung dar, wie sie es gewohnt waren, eine so genannte „Akklamation“, und führten zu diesem Zweck eine Orgel mit sich. Die Handwerker Karls des Grossen versuchten heimlich, das Orgelwerk zu kopieren, um es nach dem Wegzug der Gesandten nachzubauen. Ob das gelungen ist, ist nicht bekannt. Wertvoll sind aber für uns die Einzelheiten, wie sie Notker der Stammler beschreibt. Danach handelte es sich um ein Instrument mit mehreren Bälgen aus starkem Leder, mit metallenem Windkasten, mit Pfeifen aus Kupfer oder Bronze und mit drei verschiedenen Registern.

Orgeln mit Bälgen, wie sie die Schmiede brauchten, waren schon in der Antike entwickelt worden und haben sich allmählich gegen die schwere, lauter klingende, aber mühsam zu transportierende Wasserorgel durchgesetzt. Der Name „Hydraulos“, „Hydraulis“ oder „Hydraulae“, der eigentlich „Wasseraulos“ bedeutet und die antike Arenen- und Palastorgel meint, wurde auf die kleinere Balgorgel übertragen. Von „organa hydraulica“ schreibt 454 in einem Brief Sidonius Apollinaris, der spätere Bischof von Clermont, und es geht nicht aus dem Text hervor, an welche Art der Orgel er denkt.

Hingegen kennt der weströmische Geschichtsschreiber Cassiodorus (ca. 490 – 580) nur noch die Balgorgel; er spricht von „organa“, wenn er die Orgel meint, und nennt ausdrücklich den Wind der Bälge („flatus follium“). In einer mittelalterlichen Buchmalerei ist der Begriff „organa“, der auch ganz allgemein „Musikinstrumente“ meint, als Orgel gedeutet: Die in Babylon gefangenen Kinder Gottes hängen aus Trauer ihre Instrumente an die (Weiden-) Bäume, heisst es im 137. Psalm. Im lateinischen Bibeltext steht „organa nostra“ und der Künstler stellt eine Orgel dar, die in die Weiden gehängt wird.

Quellen: Friedrich Jakob,
„Die Orgel“ (Hallwag/Schott) und Heinrich Hüschen, „Notker Balbulus“ (in: „Musik in Geschichte und Gegenwart“ 9)

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Helene Thürig
Organistin und Klavierlehrerin
Kirchgasse 31
CH-5600 Lenzburg


Tel. 062 891 89 29

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