Geschichten rund um die Orgel (V)

Der römische Kaiser Konstantin erhob im Jahre 324 das Christentum zur Staatsreligion und verlegte die Hauptstadt seines Reiches von Rom nach Byzanz, das er in „Konstantinopel“ umbenannte (heute: Istanbul). Rom blieb einstweilen noch heidnisch geprägt, während Byzanz bzw. Konstantinopel zum ersten christlichen Zentrum heranwuchs. Sprache und Kultur waren griechisch, und entsprechend griechischer Lebensauffassung wurden Kunst und Wissenschaft intensiv gepflegt. Bildhauer und Dichter, Maler, Naturwissenschafter und Philosophen arbeiteten am byzantinischen Hof. Sie taten dies zu Ehren des Staates und des Kaisers, der seine Würde aus Gottes Hand empfangen hatte und diese Würde in einem feierlichen, umständlichen und sehr menschenfernen Zeremoniell zum Ausdruck brachte.
Zu diesem Zeremoniell hatte auch die Orgel ihren Beitrag zu leisten. Sie erklang, wenn der Kaiser speiste, wenn er Audienz hielt oder wenn er beim Pferderennen vor die Öffentlichkeit trat. Sie war obligates Instrument für die „Akklamationen“, bei denen sich der Kaiser als Verkörperung des Staates verehren liess: Der ganze Hofstaat versammelte sich im Thronsaal, der Organist griff in die Tasten, der Vorhang vor dem Kaiser ging auf und die Menschen verneigten sich an den Boden (haben Sie „Anna and the King“ gesehen?).

Die Orgel wurde unter den oströmischen Kaisern technisch nicht weiter entwickelt, wohl aber prunkvoll ausgestattet. So liess Kaiser Theophilus (829-842) zwei grosse Orgeln in Gold bauen und mit Edelsteinen besetzen. Diese Orgeln sowie ein goldener Baum mit singenden Vögeln waren so wertvoll, dass der Sohn sie einschmelzen liess und daraus Münzen prägte, um den Sold für Beamte und Soldaten zu zahlen (Michael III., von 842 bis 867 Kaiser, genannt „der Trunkenbold“). Unter Kaiser Konstantin VII. (944-959) gab es sogar vier Orgeln am Hof, zwei goldene für den Herrscher persönlich und je eine silberne für „die blaue“ und „die grüne“ Partei.

(Quelle: Friedrich Jakob, „Die Orgel“, Verlag Hallwag/Schott)

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Helene Thürig
Organistin und Klavierlehrerin
Kirchgasse 31
CH-5600 Lenzburg


Tel. 062 891 89 29

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