Geschichten rund um die Orgel (IV)

„Wenn Du einen deiner Angehörigen von Trauer niedergeschlagen siehst, willst Du ihm dann einen feinen Fisch vorsetzen oder ihn ermuntern, auf die Klänge der Wasserorgel zu hören? Willst Du ihm einen Blumenstrauss vor Augen stellen, ihm duftende Blüten unter die Nase halten oder ihm einen Kranz Rosen um den Hals legen? Willst Du ihm nicht eher ein sokratisches Buch zu lesen geben und ihn auffordern, auf die tröstlichen Worte von Platon zu hören ?“

Das fragt Cicero in seinem „dritten Gespräch in Tusculum“, erschienen 45 vor Christus. Der römische Jurist, Philosoph und Staatsmann hatte 79 bis 77 vor Christus eine Bildungsreise nach Griechenland und den östlichen Mittelmeerraum unternommen und dort die Orgel kennengelernt. Mit grösster Selbstverständlichkeit reiht er ihre Klänge unter die orientalischen Luxusgüter ein, wie ein seltenes Parfüm oder eine erlesene Speise.

200 Jahre später hat sich die junge Kirche mit Entschlossenheit von diesem orientalischen Luxus, überhaupt von aller heidnischen Lebensfreude und Sinnlichkeit verabschiedet. So gestattete Kirchenvater Justinus (103 – 168) den Musikern nur dann die Taufe, wenn sie den Beruf wechselten. Der heilige Hieronymus riet einer vornehmen Christin, sie solle ihre Tochter ohne Kenntnis der Musikinstrumente aufwachsen lassen; „sie soll nicht wissen, wozu tibia, lyra und cythara gemacht sind.“ Das Konzil von Arles schliesslich exkommunizierte 314 alle Schauspieler und Theaterleute, zu denen auch die Organisten und Cytharisten gehörten.

Mit ähnlicher Strenge hat tausend Jahre später der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli alle Musik aus dem Gottesdienst verbannt. Was bewog den Mann, der selber komponierte und mehr als ein Dutzend Instrumente spielte, die schöne mittelalterliche Grossmünsterorgel im Jahr 1527 abbrechen zu lassen?

Wollte er der Konzentration auf das rein Geistige, auf Bibelwort und Gebet, Nachachtung verschaffen? Empfand er Lebensgenuss und Sinnenfreude als heidnisch-gottlos, als nicht zum Himmel und nicht zum Heil führend? Ging es ihm in seinem „Gottesstaat“ um Ruhe und Ordnung, sodass er allem farbig-fröhlichen, allem lockend-bunten gleich den Riegel schieben wollte? Das ist doch einigermassen erstaunlich bei einem Religionsstifter, der gern mit Menschen zusammen ass und trank, dem vorgeworfen wurde, er faste zu wenig, und der im Ruf stand, „ein Freund von Zöllnern und Sünderinnen“ zu sein! Denkbar wären auch wirtschaftliche Gründe: Durch das Verbot der Reisläuferei entstanden der Stadt Zürich grosse finanzielle Einbussen, galten die Schweizer Söldnertruppen doch nicht nur als die tapfersten, sondern auch als die teuersten in Europa. Um Gewerbe und Handel in Gang zu halten, musste Kapital angespart werden, und das war nur durch eiserne Disziplin möglich. Vielleicht wollte Zwingli die Lust auf Luxus gar nicht erst aufkommen lassen und forderte deshalb den Verzicht auf ausgeschnittene Frauenkleider, Bilder in den Kirchen und Prachtentfaltung an der Orgel?

(Quelle: Friedrich Jakob, „Die Orgel“, Verlag Hallwag/Schott)

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Helene Thürig
Organistin und Klavierlehrerin
Kirchgasse 31
CH-5600 Lenzburg


Tel. 062 891 89 29

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