Geschichten rund um die Orgel (III)

Aus dem römischen Stadtstaat hatte sich eine zunächst italienische, dann südeuropäische Regionalmacht entwickelt, die den Griechen den Rang als führende Handelsnation im Mittelmeerraum ablief. Aus der ständisch organisierten Republik mit stimmberechtigten Bürgern, dem Senat und zwei gewählten Konsuln war eine Monarchie geworden. Der Kaiser wurde nicht vom Volk und auch nicht von der Nobilität gewählt und musste seinen Machtanspruch begründen. Er entfaltete deshalb eine prunkvollen Hofhaltung und liess sich in Stein hauen wie ein griechisches Götterbild. Die römische Oberschicht wollte ihren Ruf als Eroberer und kulturlose Barbaren ablegen und umgab sich mit Musik und bildender Kunst. Griechische Kunstwerke wurden eingeführt und kopiert, die griechische Religion fand Eingang in den römischen Götterkult und griechische Autoren wurden massgebend.

Es wurde üblich, die Kulturnation Griechenland zu bereisen. Wer etwas auf sich hielt, sprach Griechisch, kannte die griechischen Philosophen und verehrte neben dem römischen Jupiter auch Göttervater Zeus. So reiste im Jahr 66 nach Christus der kunstinteressierte Kaiser Nero nach Griechenland und brachte den damals neuesten Typ der Orgel nach Rom, ein Instrument mit mehreren Registern. Er war musikalisch ausgebildet und kündigte an, er würde, falls er den Gallieraufstand erfolgreich niederschlagen werden (67 n. Chr.), bei den Siegesfeiern selber als Orgelspieler auftreten.

Leider ist in keinem der grossen historischen Filme („Ben Hur“, „Spartacus“, „Quo vadis“) eine Orgel zu sehen, weder ein kleines intarsiengeschmücktes und goldverziertes Balginstrument in den Häusern der noblen Familien noch die kraftvoll klingende Wasserorgel im Zirkus. Wussten die Hollywood-Autoren nicht Bescheid? Oder war ihnen die Vorstellung zu anstössig, dass zu den Klängen des späteren Kircheninstruments Gladiatoren aufmarschierten, Artistinnen übers Seil tanzten oder gar Christen zum Kampf gegen Löwen antraten?

(Quelle: Friedrich Jakob, „Die Orgel“, Verlag Hallwag/Schott)

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Helene Thürig
Organistin und Klavierlehrerin
Kirchgasse 31
CH-5600 Lenzburg


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