Geschichten rund um die Orgel (I)
2 – 4 – 6 , eine Zahl, die sich leicht merken lässt; um 246 vor Christus erfand Ktesibios in Alexandria die Orgel.
Alexandria, an einem Mündungsarm des Nils gelegen, war die grösste Handelsstadt der Antike. Weizen aus dem reichen Ägypten und Elfenbein und Gold aus dem südlichen Afrika wurden nach Rom umgeschlagen, Zinn und Bernstein aus England nach Konstantinopel transportiert, Seide und Gewürze aus Asien nach Europa weitergehandelt. Die ganze spätantike, Griechisch sprechende Intelligenzia residierte in Alexandria, Philosophen, Historiker, Naturwissenschafter, Techniker, Bildhauer, Maler und Dichter, und es gab dort die grösste Bibliothek des Altertums. Verwaltet und militärisch gehalten wurde die Stadt von den Römern, während Griechen die kulturelle Oberschicht bildeten. Die Alltagsarbeit wurde von nordafrikanischen und koptischen Gewerbetreibenden geleistet und von all jenen Sklaven, die aus den Grenzgebieten des römischen Reiches importiert worden waren.
In diesem „melting pot“ kam der Ingenieur Ktesibios auf die Idee, die griechische Doppelflöte (Aulos) so zu mechanisieren, dass man nicht nur zweistimmig, sondern auch akkordisch-mehrstimmig spielen konnte. Er brauchte dazu a.) einen führbaren Wind, b.) unterschiedliche Tonhöhen und c.) eine Spielmechanik.
Um Winddruck zu erzeugen, konstruierte er eine wasserdichte Kiste, füllte sie mit Wasser und stellte eine Schüssel kopfüber hinein. Unter diese Schüssel pumpte er Luft, die nun durch das Gewicht des Wassers komprimiert wurde und blasen konnte. Über diese Kiste baute er eine Art flache Kommode mit zwei Etagen. In die untere leitete er die Druckluft (sie entspricht also der heutigen Windlade), in die obere stellte er eine Reihe Pfeifen nach Längen geordnet (das wäre heute der Pfeifenstock).
Dazwischen konstruierte er die Spielmechanik: Wie eine Reihe kleiner Schubladen führte zu jeder Pfeife ein Holzriegel, der sich herausziehen liess, um die Luft zur Pfeife freizugeben, und wieder hinein geschoben wurde, um den Ton zu beenden.
Dass Saiten verschiedener Länge verschiedene Tonhöhen ergeben, war spätestens seit Pythagoras bekannt. Ktesibios wird beobachtet haben, dass bei der Aulosflöte der Ton tiefer wird, wenn die Löcher abgedeckt sind, und muss von da her auf die Länge der schwingenden Luftsäule geschlossen haben; schliesslich ist er auf den Gedanken gekommen, jede Tonhöhe für sich als einzelne Pfeife zu bauen und das Ganze zu einer Maschine zusammenzufügen – eine geniale Leistung! Ktesibios nannte seine Erfindung „Wasser-Aulos“, auf Griechisch „Hydraulos“, von dem wir das Wort „hydraulisch“ abgeleitet haben. Er muss auch sonst ein findiger Kopf gewesen sein; es gehen nebst der Wasserorgel mechanische Spielsachen, bewegliche Vogelfiguren und eine Feuerwehrspritze auf ihn zurück. Er starb in Aspensus, einer Stadt im südlichen, griechisch besiedelten Kleinasien, als angesehener Techniker und Naturforscher.
(Quelle: Friedrich Jakob, „Die Orgel“, Verlag Hallwag/Schott)