Gott allein die Ehre! - so unterzeichnete Johann Sebastian Bach viele seiner Werke. Er schuf mit seinem Gesamtwerk einen Kosmos, welcher mit mittelalterlich anmutender Seinsgewissheit (Sartre formulierte: „Ein Gemurmel von oben: Du bist nicht umsonst geboren, man erwartet dich!“) Menschen im 21. Jahrhundert Geborgenheit schenken kann.
Orgelmusik baut
eine Brücke von der Gegenwart bis ins 12. Jahrhundert zurück. Von da lässt sich die ganze abendländische Musikgeschichte von der einstimmigen Gregorianik über die beginnende Mehrstimmigkeit bis zur hochkomplexen Renaissance-Musik verfolgen, bevor mit dem Barock das eigentliche Zeitalter der Orgel anbricht mit einer Fülle von Choralkompositionen und grossartigen freien Orgelwerken. Während es in der Zeit der Wiener Klassik eher still wird um die „Königin der Instrumente“, bringt Mendelssohn im 19. Jahrhundert mit der von ihm initiierten Bach-Renaissance die Orgel wieder zu Ehren, komponiert Präludien und Fugen im barocken Geist und schafft mit der Gattung „Orgelsonate“ den Anschluss an die übrige Musikentwicklung. Daran anknüpfend entwickeln Komponisten wie Brahms und Reger in Deutschland sowie Franck und Widor in Frankreich die Orgel-Romantik mit ausgreifenden sinfonischen Werken, mächtiger Klangentfaltung und reichster spätromantischer Harmonik. Im 20 Jahrhundert lassen sich alle wichtigen Entwicklungen nachvollziehen: Zwölftonmusik als Antwort auf die ausgeschöpfte Dur- / Moll - Harmonik, impressionistische Programm-Musik, schliesslich das erstmals durch Messiaën formuliert serielle Prinzip, neue und oft a-metrische Rhythmen, Aleatorik (Einbezug des Zufalls), Nachbildung von Geräuschen (Ligeti). Neueste Orgelmusik erforscht die instabilen Klänge, welche durch variablen Winddruck erzeugt werden können (Orgelprototypen von Daniel Glaus), sodass sich der Orgelmusik ganz neuartige Möglichkeiten eröffnen.
Orgelspielen bedeutet:
Abheben vom Alltag, fort vom Stress, Stille erleben im Kirchenraum, Eintauchen in meditative Atmosphäre, Chill-out.
Experimentieren mit der Farbenpalette der Register, Jonglieren mit raschen, virtuosen Rhythmen, Meditieren mit der Langsamkeit von Cantus-firmus-Pfundnoten.
Höchste intellektuelle Ansprüche an das Durchdringen eines mehrstimmigen Gewebes, wo verschiedene Motive gleichzeitig erscheinen und vorausgedacht, realisiert und gehört werden müssen.
Auseinandersetzung mit einer viele Epochen umfassenden religiösen Kultur und deren Ausformung, der Orgelmusik.
Eine mögliche religiöse Praxis: den Gestalten der christlichen Tradition im Medium der Musik begegnen, die Glaubensaussagen durch die Kraft einer Melodie aufnehmen, Sinn vergewissern.
Aber auch: Bewegung mit Händen und Füssen, Freude am fröhlichen Lärm polternder Pedaltöne, lustvolle Lautstärke mit prächtigen Mixturklängen.
Und nicht zu vergessen: Lebensfreude, Selbstausdruck, Glück.
Helene Thürig
Organistin und Klavierlehrerin
Kirchgasse 31
CH-5600 Lenzburg