Die Orgel der reformierten Stadtkirche Lenzburg

Die ursprüngliche Orgel wurde 1762 von Johann Konrad Speisegger aus Schaffhausen erbaut. Etwas später fügte Durss Bidermann aus Gösgen dem Prospekt die vergoldeten Rokoko-Schnitzereien hinzu. Das heutige Instrument wurde 1973 von Orgelbau Kuhn aus Männedorf vollständig neu erstellt, unter Verwendung des originalen barocken Prospekts.

Es umfasst 43 Register, spielbar über drei Manuale und das Pedal. Mit dem untersten Manual (=Clavier) wird das Rückpositiv gespielt, mit dem mittleren das Hauptwerk („Obergeschoss“ des marmorierten grossen Gehäuses), und mit dem obersten Manual das Schwellwerk („Obergeschoss“ des hinteren, grau gefassten Gehäuses). Die Register des Schwellwerks stehen in einem geschlossenen Holzkasten mit nach vorne sich öffnenden Jalousien, welche der Organist per Fussdruck öffnen und schliessen, d.h. in der Lautstärke verändern kann. Das Pedalwerk befindet sich zum grössten Teil im „Untergeschoss des grauen Gehäuses; seine tiefsten und damit längsten Pfeifen benötigen allerdings die ganze Höhe vom Emporenboden bis zur Kirchendecke.

Die Klanglichkeit unserer Orgel ist derjenigen einer Barockorgel aus dem südlichen deutschen Raum nachempfunden. Entsprechend dem Stil der Orgelbewegung der sechziger und siebziger Jahre beinhaltete sie bis 1990 auch helle, äusserst obertönige, nach heutigem Empfinden zu harte Register nach Art des norddeutschen Barock. Diese Register wurden in der Revision von 1990/91 umintoniert oder durch mildere ersetzt. So kamen attraktive Stimmen wie die „voix celeste“ oder eine französisch-weiche Mixtur im Schwellwerk hinzu. Gespielt wird auf einer mechanischen Traktur, d.h. die Tastenbewegung wird durch Holzabstrakten vom Spieltisch bis zum Tonventil übertragen. Die Registerzüge erfolgen mit elektro-magnetischer Hilfe, was das Vorprogrammieren der „Klangmischungen“ erleichtert.

Lenzburg, den 4. August 2005 H.T.

Aus der Geschichte ...

„Weilen eine Orgel für das dienstlichste Mittel erachtet wird um den Kirchengesang zu führen und in guter Ordnung zu behalten, so solle eine solche angeschafft werden,“ beschlossen Räth und Burger am 7. August 1759. Beauftragt wurde der berühmte Schaffhauser Orgelbauer Johann Konrad Speisegger (1699 – 1781), der Orgeln geschaffen hat in Winterthur, Zürich, Freiburg, Murten, Neuenburg und – kurz vor der Lenzburger Orgel – in Aarau. Er baute für Lenzburg ein Werk mit 15 Registern, davon acht aus Zinn und sieben aus Holz, mit insgesamt 800 Pfeifen.

1793 wurde eine erste grössere Reparatur nötig, welche dem Koblenzer Orgelbauer Michael Gassler (1747 – 1828) übertragen wurde. Er fügte neue Register für Manual und Pedal hinzu und baute für einen Teil der Manualregister das Rückpositiv, sodass die Orgel neu zwei Manuale besass und rund 1500 Pfeifen umfasste.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich der Musikgeschmack grundlegend. Die Romantik etablierte sich und verlangte einen weicheren, satten Klang mit mehr Grundstimmen als früher im Barock mit seinen hellen, obertonreichen Klängen. In den politischen Wirren der dreissiger Jahren war es allerdings nicht möglich, einen Umbau auszuführen. Erst 1850, nach dem letzten Krieg auf Schweizer Boden und der Gründung des modernen Bundesstaates, wurde der Auftrag an Friedrich Haas erteilt, einen der besten Orgelbauer seiner Zeit, der sich eben nach der Aufhebung des Klosters Muri in den Klostergebäuden eine Werkstatt eingerichtet hatte. Der Um- und Neubau wurde vorangetrieben durch den Lenzburger Juristen und Kunstfreund Johann Rudolf Ringier, welcher an die Baukosten von rund 13000 Schweizer Franken einen Beitrag von 5000 Franken leistete.

Die Orgel bekam ein drittes, schwellbares Manual, das Pfeifenwerk wurde ergänzt auf 32 Register. Musikgesellschaft, Gesangsverein und viele Private trugen wesentlich zur Finanzierung des neuen Orgelwerks bei, sodass die Gemeinde schliesslich noch einen Viertel der Gesamtkosten zu tragen hatte.

Einen letzten Um- und Erweiterungsbau erfuhr die Lenzburger Orgel 1920 – wieder nach einer Zeit von Krieg und Not. Diesmal wurden nicht nur klangliche Gegebenheiten geändert, sondern die ganze Mechanik nach damaligen Begriffen modernisiert. Das Rückpositiv wurde leergeräumt und als Schmuckstück auf der Empore belassen. Die alte mechanische Traktur (Spielmechanik aus Holzabstrakten) wurde ersetzt durch ein pneumatisches System mit Röhrenmechanik. Die Orgel kam seit 1915 ohne Balgtreter aus; bereits damals war ein Elektromotor eingebaut worden. Mit 52 Registern war die Lenzburger Orgel definitiv ein Konzertinstrument geworden, das allen damals aktuellen musikalischen Anforderungen genügte. Die Firma Goll, Nachfolgefirma von Friedrich Haas, bürgte für höchste Qualität.

Als in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Orgelbewegung „zurück zu den Ursprüngen“ auch die Schweizer Orgelszene ergriff, entschloss sich Lenzburg zu einem völligen Abbruch der historisch gewachsenen Orgel. Einzig das Gehäuse von Johann Konrad Speisegger blieb erhalten. Ernst Dössegger als verantwortlicher Organist und Dr. Theodor Käser als Orgelexperte erstellten eine Disposition nach dem Klangideal des Barock, erweitert um Register, welche für die Musik der Romantik und des 20. Jahrhunderts erforderlich sind. Am 9. September 1973 wurde die neue Kuhn-Orgel mit einem Eröffnungskonzert feierlich der Gemeinde übergeben. Seither dient sie zuverlässig und klangschön für Gottesdienste und Konzerte, als Begleit- und Soloinstrument.

Disposition der Orgel

Helene Thürig
Organistin und Klavierlehrerin
Kirchgasse 31
CH-5600 Lenzburg


Tel. 062 891 89 29

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